» EM-Laufspiel: Das schmerzhafte Finale

„Fast 70 Kilometer für den Vizetitel”

7:00 Uhr am Sonntag. Finale des EM-Laufspiels und noch sind keine Kilometer gelaufen. Zu sehr  steckt der Muskelkater von den über 72 Kilometern am Donnerstag in den Beinen. Doch es hilft nichts. Im Finale muss man beißen.

Das Fahrrad und zwei Rucksäcke stehen für Eva bereit, die heute ihren Hintern für mich opfert. Um kurz vor 10 kommt unser Zug in Bingen an. Ende meines bisherigen Streckennetzes und damit Anfang der heutigen Tour.

Auf den ersten Metern spüre ich, welche Strapazen ich bisher beim EM-Laufspiel durchgemacht habe. Die Oberschenkel schmerzen. Zu meiner Überraschung laufe ich tatsächlich langsamer los, als es Steffen vorgeschlagen hat. Immer wieder schaue ich auf das Tempo. 6:24, 6:23, 6:29. Ich hätte mich schon über 5:30 gefreut. Locker ist das aber leider überhaupt nicht.

Rund alle fünf Kilometer legen wir eine Pause ein. Hinsetzen. Etwas trinken und essen. Bei Kilometer 15 nehme ich das erste Gel, die erste Salztablette kurz darauf. Salztablette mit Mineralwasser, Bananensaft mit Salztablette, Magnesiumtablette mit Wasser oder mit Bananensaft oder auch mit Salztablette oder einfach nur Eistee - die Kombinationen sind vielfältig. Zu essen gibt es außer den Gels ein paar Müsliriegel, etwas Obst, Rosinen, kleine Salzbrezeln, ... jenachdem, wonach mir gerade der Sinn steht.

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Das Wetter ist dabei angenehm. Über 20 Grad, aber die meiste Zeit bedecken Wolken den Himmel. Nach 15 Kilometern kommen meine Beine langsam in Fahrt. Während der dritten Pause bin ich mental in Topform. Ein seltsamer Rhythmus trällert in meinem Kopf und ich beginne Eva mit wildem Gesinge zu nerven. Bestens gelaunt geht es weiter. 6:05, 6:02. Das Tempo ist gefährlich. Eva bremst mich.

Letztlich bewegen wir uns aber doch recht gemütlich vorwärts. Stunde um Stunde geht vorbei, 20, 30 Kilometer. Dann ist die Hälfte bis zum Minimalziel Koblenz geschafft. Zwischenzeitlich träume ich wieder von der Gesamtdistanz von 87 Kilometern bis Neuwied. Allerdings schwindet die Zeit. Marathon nach 4 1/2 Stunden Laufzeit, für die wir über 6 Stunden unterwegs sind.

Die Oberschenkel werden dabei leider nicht lockerer. Auch wenn ich bei Kilometer 35 zum ersten Mal unter 6 Minuten bleibe, wird die Prognose nicht besser. Das Anlaufen nach einer Pause wird hart. Kläglich trippel ich von Fußspitze zu Fußspitze. Mit der Ferse aufkommen? Den ganzen Oberschenkel verwenden? Nicht möglich. Bis zu einem Kilometer dauert es jeweils, bis es wieder etwas runder läuft.

Bei Kilometer 58 wartet Christian mit dem Auto auf uns. Evas Hintern macht nicht mehr mit. Ich genieße ein paar Kinderriegel, lege den Trinkrucksack ab und einige mich mit den beiden darauf, die nächsten Kilometer auf die andere Rheinseite alleine zu laufen.

Blöd nur, dass zur Rheinbrücke Treppen hinauf führen. Anhalten und gehen? Oder auf einem Umweg eine normale Rampe suchen? Zu blöd! Ich laufe die Treppen hoch und bringe zum ersten Mal den Puls richtig nach oben. Schmerzhaft.

Am Ende der Brücke warten die beiden auf mich. Die Entscheidung, wie es weiter geht, ist längst gefallen. Keine Pause, nicht anhalten. Weiterkämpfen, solange die Oberschenkel mich halten. Selbst kleine Steigungen kann ich nun nur noch rückwärts bergab laufen. Die Oberschenkel sind völlig dicht. Kleine Ziele stecken. Bis zum nächsten Ort. Bis Kilometer 68.

runalyze.de68,7 km Langer Lauf am 01.07.2012
7:09:206:15/km132bpm272 hm
http://user.runalyze.de/shared/1ol
 

Doch dann ist Schluss. 7 Stunden. 140 Wochenkilometer. Bis zum Anschluss ans Streckennetz in Engers fehlen noch fast 10 Kilometer, doch die Oberschenkel lassen keine Pause mehr zu. Der Kopf hat das Ding nun aufgegeben. Da ist nichts mehr drin.

Für den Sieg reicht es nicht. Dazu fehlten Ronny und mir 13 Kilometer. Doch auf 7 Stunden laufen (innerhalb von 10 Stunden) und fast 70 Kilometer bin ich mehr als stolz.

... mit der Hoffnung, den Wahnsinn gesund überstanden zu haben. Keine Blasen, keine Krämpfe, kein Sonnenbrand, kein Kreislaufkollaps. Keine Knieschmerzen, gesunde Schienbeine und keine Probleme an den Füßen. Puh.

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12 Kommentare

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antworten #1 Thomas Dahmen 04.07.2012, 08 Uhr
Thomas Dahmen
Wahnsinn! Vielleicht liegt dir das Ultralaufen mehr wie Geschwindigkeit!?!

Sport frei!
Thomas
antworten #2 Gabi Gründling 04.07.2012, 12 Uhr
Gabi Gründling
Du solltest mal drüber nachdenken, an einem 6 h-Lauf teilzunehmen!
antworten #3 Jana 04.07.2012, 15 Uhr
Jana
Man kann Dir die Schmerzen nachfühlen. Daher auch hier nochmal RESPEKT! und ihr hättet auch verdient gewonnen zu haben.
Irgendwie bin ich immer noch froh mit Deutschland in der Vorrunde ausgeschieden zu sein ;-)
antworten #4 Marek 04.07.2012, 22 Uhr
Marek
Wow, das ist ja mal hammerhart, was du dir da "angetan" hast. Aber ich glaube Daniel hat das ein klitzekleines Bißchen cleverer gemacht, der ist morgens 16k, mittags 16k und abends 44k gelaufen. Aber das mit dem Ultralaufen hast du anscheinend gut drauf!
antworten #5 Daniel 05.07.2012, 10 Uhr
Daniel
Sehr schöner Bericht. Meinen Respekt für die erbrachte Kilometerleistung an den beiden Lauftagen, also im HF und F. Ich denke unser Vorteil war wohl das Halbfinale. Zum einen der eine Tag mehr RG und zum anderen, dass ihr euch da schon ordentlich pushen mußtet und euch bei dem Gegner wohl nicht sicher sein konntet. Trotzdem mußten alle ihre Kilometer erstmal laufen und das Ergebnis aller 4 Läufer kann sich mehr als sehen lassen. Das meine Aufteilung viel cleverer war, würde ich übrigens nicht sagen. Mir fehlte einfach die Zeit für am Stück laufen, da ich das Wochenende als heilig betrachte und auch mit meinen Kindern verbringen will. So kamen zwischendurch noch baden, Slackline balancieren und Skaten dazu. Dafür fiel das EM-Finale dann dem EM-Laufspiel zum Opfer ;-)

Vor allem für das gegenseitige Anstacheln schon ab der Vorrunde danke ich dir. Es hat richtig Spaß gemacht.

In diesem Sinne, bleib sportlich!
VG vom Europameister ;-)
antworten #6 Mäx 05.07.2012, 17 Uhr
Mäx
Hey Hannes,

Respekt! Schon verrückt, was so ein "Spiel" alles aus einem rausholt ;-)

Gruß
Mäx
antworten #7 Brennr.de 09.07.2012, 14 Uhr
Brennr.de
Einfach unglaublich, was Du geleistet hast! Vor allem, weil Du Dich in letzter Zeit eher auf die kürzeren Distanzen spezialisiert hast. Leider hat es am Ende nicht ganz gereicht, aber der Gegner war aber auch ein echt harter Brocken. Dennoch kannst Du auf Deine Leistung mehr als stolz sein. Zwar war das echt irre, aber das macht Dich noch sympathischer. :-)
antworten #8 Din 12.07.2012, 08 Uhr
Din
Ich habe eure Leistungen immer aus der Ferne beobachtet und unendlich bewundert. Egal, wie es nun ausgegangen ist. Ihr habt wirklich ein super Rennen geliefert! Respekt und schöner Bericht, man fühlt direkt mit.
antworten #9 Rootserver 13.07.2012, 11 Uhr
Rootserver
Ja Laufen ist nicht nur eine Frage von Kondition und körperlicher Verfassung.... Der Wille ist entscheidend. Boris Becker hat mal gesagt, das Match wird zwischen den Ohren entschieden ;-) Respekt vor der Leistung
antworten #10 Laufhannes 15.07.2012, 18 Uhr
Laufhannes
@Thomas Dahmen:
Ich glaube nicht ;-)

@Marek:
Ich bin mir nicht so sicher, ob das bei mir auch so gut gegangen wer. Die Pausen waren für die Oberschenkel ja eher schlecht als gut. Viel mehr hätte ich da einfach nicht mehr rausholen können.

@Daniel:
Vielleicht waren die Aktivitäten bei dir zwischendurch ja die perfekte aktive Erholung?
Danke für das schöne Duell!
antworten #11 Leuchtie 23.07.2012, 12 Uhr
Leuchtie
Ich habe einen heiden Respekt vor solchen Leistungen. Letztens hatten wir in MD einen Firmenstaffellauf mit 5x2,5 KM - Sorry aber da ist dann für mich Ende. Wirklich oft komme ich nicht zum Laufen und das auch sehr unregelmäßig... Irgendwie kann ich mich aber auch nicht steigern, macht es da dann die Regelmäßigkeit oder muss ich einfach über eine gewisse "Kot...Grenze" gehen?
antworten #12 Gutscheingalaxy 23.08.2012, 10 Uhr
Gutscheingalaxy
Wenn ich den Artikel so lese, kann ich richtig mitleiden. Respekt fürs Durchhalten, das motiviert mich selbst mal wieder meine Laufschuhe anzuziehen. Top Artikel. und weiterhin maximale Erfolge.
1. FC Kaiserslautern